Im Mittelpunkt steht der Mensch

Projekttage „Menschen mit Beeinträchtigungen“ zwischen der Realschule Thannhausen und dem DRW Ursberg

Am 22. und 23. Februar war es wieder soweit. Einen Vormittag lang besuchten die Realschüler verschiedene Einrichtungen des Dominikus-Ringeisen-Werks und am folgenden Tag erhielten sie Besuch von Ursberger Jugendlichen mit deren Lehrern und Betreuern. Bereits im Schuljahr 1997/98 hatte der ehemalige Konrektor Hans-Siegfried Schmid die Idee zu dem Projekt und bis heute organisiert er – inzwischen tatkräftig unterstützt von Studienrätin Ulrike Alznauer – diese Begegnung der ganz besonderen Art.
„Unsere Arbeit richtet sich stets nach den Bedürfnissen der Menschen“, so Heilerziehungpflegerin Barbara Schnatterer im Gespräch mit den Realschülern. Sie betreut in der Förderstätte eine Gruppe Erwachsener mit mehrfachen Behinderungen, die hier einen zweiten Lebensbereich in Ergänzung zu Heim oder Familie finden. Ganz konkret konnte die Schülergruppe dies am Besuchstag miterleben, als die Betreuerinnen zusammen mit ihren Schützlingen einen kleinen Faschingsball veranstalteten. Ebenso wichtig ist es jedoch, diesen Menschen ein Arbeitsangebot zur Verfügung zu stellen. Frau Schnatterer präsentierte im Ursberger Laden stolz die Erzeugnisse. Die Palette reicht von „k-lumet“-Feueranzündern bis zum „Wurmi“-Schlüsselanhänger.
Eine weitere Station war der Besuch im „Privaten Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung“. Das Haus St. Martin ist Teil der Schule und bietet spezielle Angebote für Jugendliche und Kinder. Konrektorin Piechatzek-Schlenz führte durch das Haus. Dabei erhielten die Schüler unmittelbaren Einblick in das Leben verschiedener Wohngruppen. Heilerziehungspfleger Corbinian Wildegger brachte es auf den Punkt: „Wir holen die Menschen dort ab, wo sie sind und versuchen nicht, sie zu ändern.“
Lehrreich war auch die Besichtigung der Ursberger Werkstätten, wo die Schüler sogar mit den Beschäftigten zusammenarbeiten durften. Allen wurde bewusst, wie wertvoll die Arbeit ist, die Einrichtungen wie das Dominikus-Ringeisen-Werk leisten.
Für den Gegenbesuch der Ursberger in Thannhausen am folgenden Tag hatten sich Lehrer und Schüler einiges einfallen lassen. So durfte die Klasse 6a mit ihrer Klassleiterin Frau Riederle zusammen mit dem „Hauswirtschaftszweig“ der Klassen 10C und 10D einen Vormittag lang kochen. Die Lehrerinnen Irene Schmid und Gertrud Fischer hatten sich einen leckeren Menüplan ausgedacht, sogar die Tischdekoration stellte man gemeinsam mit den Ursbergern her. Und geschmeckt haben Pizza und Bananenquark natürlich auch.
Gleich nebenan im Musiksaal erklangen Stücke wie „Applaus, Applaus“ und „Rock me Amadeus“. Der Chor der Dominikus-Ringeisen-Schule in Ursberg unter Leitung von Wolfgang Ettlinger musizierte zusammen mit Musiklehrerin Irmgard Hofmann-Trini und der Klasse 10 C, was das Zeug hielt.
„Blindheit trennt von Sachen, Taubheit trennt von Menschen.“ Herr Höhn, Lehrer am „Privaten Förderzentrum Förderschwerpunkt Hören und weiterer Förderbedarf“ in Ursberg, erläuterte anhand des Kant-Zitats den Thannhausener Schülern die Probleme, vor denen Menschen stehen, die aufgrund ihrer Behinderung nicht in der Lage sind, an einer „normalen“ Unterhaltung teilzunehmen.
Bewegung spielt in der Betreuung und Therapie behinderter Menschen eine ganz herausragende Rolle. Sportlehrerin Barbara Fischer hatte sich Ballspiele ausgedacht, Dabei kam es nicht auf Leistung, sondern auf das gemeinsame Erleben an. Kooperation und Koordination waren gefragt. Nebenan hatte ihr Kollege Stefan Berger einen Hindernisparcours der besonderen Art aufgebaut. Die Zehntklässler durften einige Stunden im wahrsten Sinne des Wortes „erfahren“, was es heißt, an den Rollstuhl gefesselt zu sein. Das Sanitätshaus Ursberg hatte zu diesem Zweck eigens Rollstühle zur Verfügung gestellt.
Ganz besonders berührend war die Begegnung mit zwei Mitgliedern des Elternbeirats aus Ursberg, Christina Lyhs und Werner Paesler. „Man denkt anders über das Leben“, so Christina Lyhs. Und Werner Paesler pflichtete ihr bei: „Oberstes Ziel ist es, glücklich und zufrieden zu sein, man lernt die Dinge zu nehmen, wie sie nun einmal sind. Und ja: Wir empfinden das Leben mit unseren Kindern als unendliche Bereicherung.“
Dieses Fazit war auch der Tenor bei der Reflexion mit den Zehntklässlern am Ende. Sophia Pfleger aus der 10B sprach aus, was alle dachten: „Ich bewundere beide, die behinderten Menschen, die ihr Leben trotz aller Widrigkeiten meistern und ihre Lehrer und Betreuer, die ihnen dabei so aufopferungsvoll zur Seite stehen. Diese zwei Tage waren eine ungeheure Erweiterung unseres Horizonts. Wir sind unseren Lehrern dankbar, dass wir diese Erfahrung machen durften.“
Text: Wolfgang Werz
Bilder: Sophia Dankworth und Nepomuk Lorenz


Das Bild zeigt Herrn Höhn während seines Besuches in den zehnten Klassen. Er bringt gerade Annika Schmid aus der Klasse 10B das Gebärdenalphabet bei.