Europa kommt in die Schule

Jedes Jahr gehen deutschlandweit Politiker in Schulen und diskutieren mit Schülerinnen und Schülern über Europa. Die Christoph-von-Schmid-Schule konnte für das Sozialkundeprojekt der zehnten Klassen dieses Mal einen prominenten Gastredner gewinnen, den Landtagsabgeordneten Alfred Sauter.


Begrüßt wurde der Politiker dem Anlass gemäß mit der Europa-Hymne, vorgetragen von den Chor- und Orchesterklassen. Direktor Marcus Langguth skizzierte in seiner Ansprache kurz das Jahr 2019 in seiner Bedeutung für Europa und überließ dann dem Gast das Mikrofon. Und die Zehntklässler wurden nicht enttäuscht. In seinem kenntnisreichen Vortrag war immer wieder zu spüren: Dieses Thema ist dem Politprofi Sauter eine Herzensangelegenheit. Kein Wunder, denn die ersten öffentlichen Ämter, die er bekleidete, führten ihn als Staatssekretär von 1988 bis 1990  ins Bayerische Staatsministerium für Bundes- und Europaangelegenheiten und von 1990 bis 1993 in selber Funktion ins Bayerische Staatsministerium der Justiz. Er ist also einer, der dieses Europa mitgeprägt hat. „Europa, das bedeutet das Versprechen von Frieden, Freiheit und Wohlstand.“ Diese drei Schlagworte bildeten den Rahmen von Sauters Ausführungen. „Der Anfang der EU, wie sie heute existiert, steht am Ende des 2. Weltkrieges. Kein Mensch kann sich das heute noch vorstellen. 60-80 Millionen Tote weltweit. Die Münchner Innenstadt war zu 90% zerstört. Stellt euch vor, in der Straße, in der ihr wohnt, steht nur noch ein Haus.“ Der Schrecken des Krieges durfte sich niemals wiederholen. Es sollte dauerhaft Frieden in einem vereinten Europa geschaffen werden. Weitblickende Politiker wie der Franzose Robert Schuman und der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer legten mit der Montanunion und schließlich mit den „Römischen Verträgen“ von 1957 den Grundstein für die heutige EU. Das glücklichste Ereignis in der Geschichte des Kontinents und vor allem der Deutschen im 20. Jahrhundert, der Fall des Eisernen Vorhangs und die friedliche Wiedervereinigung von Ost und West, wäre ohne die vorangegangene europäische Einigung niemals zustande gekommen. Und damit schlug Sauter den Bogen zu seinem zweiten Schlagwort: Freiheit. Die Freiheit hält er für den Wesenskern des ‚European Way of Life‘. Dazu gehören die Demokratie, die Meinungs- und Pressefreiheit sowie der freie Personenverkehr; tagtäglich erlebbare Realität im vereinten Europa. Dafür gilt es einzustehen. „Demokratie heißt, dass ihr bestimmt, was in Deutschland und Europa passiert. Und deshalb ist die Wahl am 26. Mai so bedeutend, mit ihr entscheidet sich die Zukunft des Kontinents.“ Sauter hält es für entscheidend, nicht wegzusehen, wenn dessen Werte in Frage gestellt werden, zum Beispiel die offenen Grenzen. Gerade für junge Leute, sei es ein ungeheurer Fortschritt, dass sie an jedem Ort in der EU wohnen, arbeiten und studieren könnten. Und das wiederum bedinge unseren Wohlstand.

„Kein Land profitiert von einem vereinten Europa ohne Zoll- und Handelsschranken so sehr wie der Exportweltmeister Deutschland. Glaubt irgendeiner, dass Deutschland mit 80 Millionen Menschen alleine China mit 1,4 Milliarden die Stirn bieten kann?“ Sauter ist überzeugt: Nur ein gemeinsam agierendes Europa wird auch in Zukunft ein „Global Player“ sein. Europa stehe vor zahlreichen Herausforderungen:

Das reiche vom Kampf gegen den Terror über die digitale Revolution, und den Klimawandel bis hin zum Populismus. Hier wird Sauter sehr ernst: „Wer hätte gedacht, dass wir 2019 so sehr um dieses Haus Europa bangen müssen?“ Extreme Parteien in Deutschland liebäugeln mit dem Austritt aus der EU. Dies würde zu chaotischen Zuständen führen, wie wir sie in Großbritannien in Zukunft verstärkt erleben werden.  Die AfD sei die deutsche Brexit Partei. Der Redner schloss mit einem leidenschaftlichen Appell: „Es geht um unsere, vor allem aber um eure Zukunft!“

Die Sozialkundelehrer Michael Debbage-Koller und Michael Oczipinsky hatten den Besuch initiiert und in den zehnten Klassen vorbereitet. Für ihre Schüler bestand nun die Gelegenheit, dem Gast Fragen zu stellen. Hier eine Auswahl:

Besteht die Gefahr einer Inflation im Euro-Raum?

Sauter: „Die größte Gefahr ist die – vorsichtig ausgedrückt – „unterschiedliche“ Haushaltspolitik der Mitgliedsländer. Griechenland hat seine Schummeleien schwer büßen müssen und auch Italien wird an den Realitäten nicht vorbei kommen.“

Ist Zuwanderung notwendig?

Sauter: „Ohne Zuwanderung von Fachkräften wird es nicht gehen, Punkt. Die demographische Entwicklung der letzten Jahrzehnte lässt sich nicht wegleugnen. Wollen wir unseren Wohlstand erhalten, ist dieses Land schlicht darauf angewiesen, dass Menschen aus anderen Ländern zu uns kommen.“

Was ist vom Rechtsruck in der Gesellschaft zu halten?

Sauter: „Ich sehe Italien als Negativbeispiel. Dort arbeiten extreme Linke und extreme Rechte zusammen. in Frankreich erreicht Le Pen Zustimmungswerte von 25% und in Deutschland sitzt eine mehr oder weniger offen rechtsradikale Partei in den Parlamenten und provoziert ständig mit Tabubrüchen. Ja, der Populismus ist eine reale Gefahr.“

Gibt es die EU in 15 Jahren noch?

Sauter: „Die Idee der Freiheit ist zu groß, als dass sie dauerhaft unterdrückt werden könnte.“

Ein passendes Schlusswort. Damit endete eine spannende Lehrstunde in Politik und Geschichte.

Direktor Langguth verband seinen herzlichen Dank an den Gast mit dem Wunsch, ihn bald wieder an der Christoph-von-Schmid-Schule begrüßen zu dürfen.

Wolfgang Werz