Projekttage „Menschen mit Beeinträchtigungen“ an der Realschule Thannhausen

Projekttage „Menschen mit Beeinträchtigungen“ an der Realschule Thannhausen
Zum zwanzigsten Male bereits fand für die Zehntklässler der Christoph-von-Schmid-Schule in der Woche vor den Winterferien eine Begegnung der besonderen Art statt. Einen Vormittag lang durften sie die Arbeit verschiedener Ursberger Einrichtungen kennenlernen und erhielten am nächsten Tag Besuch von Ursberger Jugendlichen und ihren Betreuern.
„Es ist immer wieder aufs Neue spannend, wie die Schüler den Kontakt mit den behinderten Menschen erleben, für viele ist es ja das erste Mal, dass sie deren Lebens- und Arbeitsbereich so nahe kommen“, meint Studienrätin Ulrike Alznauer. Sie organisiert das bayernweit wohl einzigartige Projekt, unterstützt von ihren Kollegen Barbara Fischer und Christian Groß. Ins Leben gerufen wurde es einst vom damaligen Konrektor Siegfried Schmid, der heuer krankheitsbedingt nicht dabei sein konnte.
In Kleingruppen aufgeteilt und von Ursberger  Beschäftigten geführt, ging es in die verschiedenen Abteilungen.
Eine Gruppe durfte den Menschen bei ihrer Arbeit in den Werkstätten von St. Simpert über die Schulter schauen. Besonders beeindruckt waren sie von deren handwerklichen Fertigkeiten, sei es in der Korbflechterei, der Buchbinderei oder der Abteilung „Industrielle Fertigung“. Einige durften sogar mitarbeiten. Allen kam zum Bewusstsein, wie wertvoll die Arbeit ist, die Einrichtungen wie das Dominikus-Ringeisen-Werk leisten. Sie lernten, dass es Achtsamkeit braucht, um einen bedürftigen Menschen zu halten, wo er es braucht, und ihn selbstständig das tun zu lassen, was er kann und ihn darin zu fördern. Diesen Eindruck erhielten auch die Gruppen, die den Unterricht in der Schule für geistige Entwicklung besuchten. Staunend erlebten die Schüler den persönlichen Einsatz und die Hingabe, mit der die Lehrkräfte die ihnen anvertrauten Kinder fördern und betreuen. Viel zu schnell ging der Vormittag zu Ende. Das war dann auch die einzige Kritik der Schüler: Man hätte gern noch so viel mehr gesehen und erfahren.
Nicht minder lehrreich und eindrucksvoll war der Gegenbesuch der Ursberger Schüler in der Realschule Thannhausen am nächsten Tag. In der Sporthalle hatte Lehrer Stefan Berger einen Hindernisparcours aufgebaut. Erwartungsvoll betraten die Zehntklässler die Halle und sahen sich einer Reihe von Rollstühlen gegenüber, die das Sanitätshaus Ursberg kostenlos zur Verfügung gestellt hatte. Jeder musste einmal ran. Allein die Balance zu halten, wenn eine Bordsteinkante zu überwinden ist, oder der Kraftaufwand, der erforderlich ist, sich überhaupt fortzubewegen, nötigten den Realschülern allen Respekt ab. In der Sporthalle der Mittelschule fand derweil ein heiß umkämpftes Fußballturnier zwischen den Ursberger Gästen und den Zehntklässlern statt.
Nicht nur die Liebe, auch die Freundschaft geht durch den Magen. In der Schulküche kochten deshalb die „Ursberger“ zusammen mit den „Thannhausenern“ unter Leitung von Frau Schmid und Frau Fischer leckere Gerichte, die beim gemeinsamen Abschlussessen mit Genuss verzehrt wurden.
Wie unterrichtet man jemanden, der nicht hören kann, was man sagt? Frau Vogg, die an der Gehörlosenschule in Ursberg arbeitet, hielt einen fesselnden Vortrag. Das reichte vom Aufbau des menschlichen Hörapparates, den neuesten High-Tech-Hörgeräten bis hin zu einem Crash-Kurs in Gebärdensprache.
Bewegend war, wie in jedem Jahr, der Besuch von Eltern, deren Kinder in Ursberg betreut werden. Die Offenheit, mit der sie den Schülern Auskunft über ihre Lebenssituation gaben, ließ Scheu gar nicht erst aufkommen, auch nicht vor den heikelsten Fragen. Würde man sich nochmals für das Kind entscheiden? Ja, man würde, und zwar aus voller Überzeugung! Ob man das Leben als eingeschränkt empfinde? Nein, es sei nur anders, aber dennoch eine Bereicherung, ein Geschenk, auch und gerade für die Familie. Man lerne, was wirklich wichtig sei und man bekomme unendlich viel zurück. Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.
So gingen zwei ganz besondere Schultage zu Ende, die allen noch lange in Erinnerung bleiben werden.

Text: Wolfgang Werz
Bilder: Felix Gruber, Nepomuk Lorenz, Ludwig Teichmann

           

Bild 1 zeigt zwei Zehntklässler, die in der Korbflechterei bei der Reparatur eines Stuhles zuschauen. Bild 2 ist das gemeinsame Foto der Ursberger und der Thannhausener Fußballmanschaften.