Lernen von den Großen

Realschüler bringen Grundschülern den sicheren Umgang mit dem Internet bei.

„Neulich hat mich beim Spielen einer gehackt. Zuerst hat er mich mitschlimmen Ausdrücken beleidigt, dann war mein Handy blockiert.“

Aufgeregt erzählt der Elfjährige aus der 4b den Gästen an der Anton-Höfer-Grundschule von seinen Erfahrungen in der digitalen Welt.

Die Gäste, das sind Zehntklässler der Christoph-von-Schmid-Schule. Sie finden sich in einer ungewohnten Rolle wieder: der des Lehrers. Für zwei Tage hat die Klasse 10C die Seiten gewechselt. In dieser Zeit wollen sie den vierten Klassen an der Grundschule wichtige Grundlagen für einen sicheren Umgang mit Internet und digitalen Geräten vermitteln.

Die Idee stammt von Seyhan Wutz, der zuständigen Sozialpädagogin an der Anton-Höfer-Schule. „Als ich von den „Netzgängern“ an der Realschule Thannhausen gehört habe, war ich sofort begeistert. Vor allem das Peer-Konzept hat mich überzeugt. Ich habe dann einfach die zuständige Lehrerin Frau Kämpfle angerufen und sie sagte spontan zu, ein Programm für unsere vierten Klassen zu erstellen.“

Bei den „Netzgängern“ handelt sich um ein Präventionsprojekt. Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler ab zehn Jahren für eine bewusste, zeitgemäße und möglichst sichere Nutzung von Internet, sozialen Netzwerken und Online-Spielen zu sensibilisieren. Dafür werden ältere Mitschüler zu Medientutoren (Peers) ausgebildet, die wiederum die Jüngeren in den genannten Bereichen schulen.

„Das Programm ist eigentlich für Fünftklässler konzipiert. Die Klasse 10 C, in der gut die Hälfte der Schüler ausgebildete Netzgänger-Tutoren sind, hat es überwiegend in Eigenregie für die Grundschüler angepasst“, gibt Christine Kämpfle Auskunft.

„Meine Spuren im Netz“ und „Sicher im Netz“  lauteten schließlich die beiden Module, die jede Klasse einmal zusammen mit den Tutoren durchlief. Aufgeteilt in Zweiergruppen waren die Realschüler in den Klassen unterwegs.

Aber ist das denn alles so dringend notwendig?

Kämpfle wird deutlich: „Manche Elfjährige richten im Handumdrehen ein neues Smartphone ein und erreichen bei komplexen Online-Spielen die höchsten Levels, aber was mit ihren persönlichen Daten geschieht, wo Mobbing und oft genug auch sexuelle Belästigung drohen oder aufgrund von Haftungsregeln hohe Geldstrafen auf die Eltern zukommen können, davon haben sie keine Ahnung.“ 

Rektorin Tanja Müller pflichtet ihr bei. Sie hat ein erfrischend pragmatisches Verhältnis zur Digitalisierung: „Es gilt, die Balance zu finden. Nicht alles, was analog ist, muss veraltet oder schlecht sein. Dennoch: Digitale Medien sind weder aus der Schule und schon gar nicht aus dem Privatleben der Schüler wieder wegzudenken. Und da hat die Schule den Auftrag, unterstützend einzugreifen. Die Gefahren im Netz sind vielfältig, gerade für die Kleinsten. Deshalb habe ich den Vorschlag von Frau Wutz sofort unterstützt.“

Als Glücksfall erweist sich während der zwei Tage das Tutorenkonzept. Die Kinder gehen mit den Zehntklässlern völlig unbefangen um. Es ist eine Mischung aus Bewunderung und Stolz darauf, dass „die Großen“ eigens zu ihnen kommen. Man merkt, die 16-17-Jährigen sind ihnen näher als eine Lehrerin. Die Atmosphäre ist locker, aber alle sind hochkonzentriert. Jeder möchte einmal zu Wort kommen.

„Ich habe schon ein paar Mal erlebt, dass Fotos von Mitschülern gemacht und gepostet wurden. Die haben das gar nicht gewusst“, platzt es aus dem Mädchen in der 4a heraus.

Tutorin Selina bleibt ruhig und hört sich alle Wortmeldungen geduldig an. „Was macht man denn, wenn man selbst gemobbt wird oder das bei anderen mitbekommt?“, fragt sie schließlich in die Runde. Schritt für Schritt erarbeitet sie mit den Kindern einen Verhaltenskatalog, an dem sie sich künftig orientieren können. Dazu gehört zum Beispiel das sofortige Blockieren des Absenders und der Rat, sich stets und sofort jemandem anzuvertrauen, sei es die Lehrerin oder die Eltern. Man merkt, wie groß schon in diesem Alter die Bedeutung der digitalen Welt für die Kinder ist. Der Begriff „digital natives“ trifft nirgends so zu wie hier.

Eine große Feedbackrunde mit allen beteiligten Klassen und den Tutoren in der Aula stand am Ende der Aktion. „Ihr solltet da bleiben und Lehrer werden“, das war ein häufig geäußerter Wunsch der Kinder. Aber auch die Zehntklässler zeigten sich begeistert von ihrer neuen Rolle. Rektorin Tanja Müller und Seyhan Wutz waren des Lobes voll und nahmen Christine Kämpfle die feste Zusage ab, diese ganz besondere „Fortbildungeinheit“ für die Viertklässler zu einer Dauereinrichtung zu machen.

Wolfgang Werz

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