Schulleben

Zur Verabschiedung von Direktor Frank Decke in den Ruhestand

Dies ist ein – ja, wie nennt man das eigentlich?   – „Nachruf“?

Ein besetzter Begriff und reserviert für die Würdigung eines Verblichenen. Nichts läge einem ferner, wenn man des Gegenstands dieser Zeilen auch nur von ferne ansichtig wird. Wie nun also? Ein „Zuruf“ vielleicht? Was ruft man einem zu, der im Begriffe ist, ein Berufsleben abzuschließen und das vermeintlich letzte Kapitel aufzuschlagen, das des Ruhestands? Abermals sträubt sich nicht nur dem zu Ehrenden, sondern auch dem Laudator das Nacken- zumindest aber das Unterarmhaar. Denn „Ruhestand“ ist nicht das, was der zu Beneidende anstrebt. Zu vielfältig sind die Interessen, zu mannigfach die Projekte, die er angehen möchte und zu weitläufig sind nicht zuletzt Haus und Garten, die seiner ordnenden Hand bedürfen, sanft angeleitet, wie man hört, von Ehefrau Angela.

Es bleibt schwierig. Wie so oft kommt uns zu Hilfe und erhellt uns das Gegenwärtige, wenn wir in die Geschichte blicken. Wir sind, was wir er-lebt, im Wortsinne, auch hier.

Zäumen wir das Pferd also nicht von hinten auf, sondern betrachten wir, wie er wurde, der er ist.

Frank Decke stammt aus Würzburg.

Würzburg – das ist Franken, Unterfranken genauer gesagt. Herkunft und Name fallen in eins! Das lässt vielfältige Assoziationen zu. Die wissenschaftliche Namenkunde folgt weitgehend dem Nachschlagewerk des frühmittelalterlichen Gelehrten Isidor von Sevilla (um 560–636) und führt den Frankennamen auf eine indogermanische Wurzel (s)p(h)ereg- (deutsch ‚gierig, heftig‘) zurück. Diese Silbe kommt vor im mittelniederländischen vrac ‚gierig‘ und altnorwegischen frakkr ‚schnell, mutig‘ und bedeutet so viel wie ‚frech, tapfer, mutig‘. Die Franken waren demnach die Frechen, Mutigen, Kühnen. Noch heute nennt man in Franken einen Lausbuben auch einen „Fregger“.  Ob Frank Decke ein solcher gewesen ist, war nicht zu eruieren; „die Quellen schweigen darüber“, wie der Historiker es formulieren würde. Wir werden später darauf zurückkommen.

Dort, im schönen Würzburg, wird er am 20. Oktober 1958 geboren. In diesem Jahr wird Giuseppe Roncalli zum Papst Johannes XXIII. gewählt und Charles de Gaulle wird Präsident der Fünften Republik. Der 1. FC Nürnberg ist Tabellenzweiter in der Oberliga. Außerdem wird die NASA gegründet und dieses Jahr gilt als Geburtsstunde des Mikrochips. Europa ist in vielfältigen Schwierigkeiten, es gibt Diskussionen über die atomare Bewaffnung der Bundeswehr und die Sowjets bedrohen uns wieder einmal. Ändert sich eigentlich nie etwas in der Geschichte?

Nach dem Abitur am naturwissenschaftlichen Gymnasium in Würzburg und dem Zivildienst in einer Behinderteneinrichtung für Kinder ebendort besteht er gleich an zwei Universitäten die Aufnahmeprüfung für Kunst, in Regensburg und Augsburg. Er entscheidet sich für die noch ganz junge Uni in der schwäbischen Metropole, gerade einmal 3000 Studenten zählt sie. „Ich konnte meine Hobbys zum Beruf machen – traumhaft!“ Decke bereut seine Fächerwahl Germanistik und Kunst nie.

Das Referendariat führt ihn temporär zurück ins Fränkische, nach Erlangen.

Aber aller Enthusiasmus und noch so gute Examina halfen nichts in dieser Zeit. Es gab für die Fächerkombination Deutsch/Kunst keine einzige (!) feste Stelle in ganz Bayern. Bedarf war natürlich -so wie heute- dennoch gegeben, aber eben nur im Aushilfsdienst. Der führt ihn an Realschulen vom fränkischen Karlstadt bis ins schwäbische Wemding.

Flexibilität ist nicht die Charaktereigenschaft, die man mit dem typischen Franken verbindet, auch wenn die Etymologie anderes nahelegt. Hartnäckig hält sich dagegen das Vorurteil, dass der Franke eigensinnig, stur und nicht kommunikativ sei.

Frank Decke erweist sich während der folgenden Jahre als äußert flexibel und widerlegt alle Vorbehalte gegen seine Stammesgenossen glänzend.

1988-1994 arbeitete er als Deutschlehrer und Mitarbeiter in einem Förderprojekt zur Kfz-Ausbildung benachteiligter Jugendlicher. In Zusammenarbeit mit Meistern vom Kolping-Bildungswerk richtete er eine Lehrwerkstatt ein und baute zusammen mit den Auszubildenden Prüf- und Schnittmodelle von Motoren unter pädagogischen Aspekten. „Das war eine wertvolle Erfahrung für mich“, so Decke. „Als Werklehrer an der Realschule sollte mir das später von eminentem Nutzen sein. Es geht nichts über die Praxistipps von Meistern, die sind unersetzlich und können an der Uni kaum vermittelt werden.“

Gleichzeitig arbeitete er zwischen 1989 und 1994 als Kunsterzieher an der Freien Waldorfschule Augsburg, auch diese Zeit empfand er nach eigenen Worten als ungemeine Bereicherung.

Seit 1994 ist er – inzwischen verheiratet – wieder im staatlichen Realschuldienst, zunächst in Fürth und ab 1996 schließlich an der Christoph-von-Schmid-Schule in Thannhausen, nunmehr seit fast 30 Jahren.

Bis 2015 unterrichtete er hier regulär Deutsch, Kunst und IT. Schon 2010 wurde er Fachmitarbeiter des Ministerialbeauftragten für die Fächer Werken und Kunsterziehung. Er war Teil des Evaluationsteams für den neuen LehrplanPlus für die Fächer Kunst und Werken und half seit 2016 mit, diesen an den schwäbischen Realschulen zu implementieren. Der neue Direktor Marcus Langguth, seit 2012 Schulleiter an der Realschule Thannhausen, holte ihn schließlich 2015 als Zweiten Konrektor in die Schulleitung. Nach Langguths Wechsel an die Realschule in Neusäß wurde Frank Decke schließlich 2020 zum Realschuldirektor an der Christoph-von-Schmid-Schule ernannt.

Wer Decke kennt, weiß, dass er das als Ansporn verstand, seine Sache gut zu machen. Und zu machen gab es wahrlich genug: Angefangen vom Management der Schulschließungen während der Corona-Epidemie über das Mammutvorhaben des Schulumbaus während des laufenden Unterrichtsbetriebs seit 2022 bis zum ganz „normalen“ Alltagsgeschäft, eine Schule zu führen.

Aber wie führt man eine Schule gut?

Viele Mitglieder der Schulfamilie haben persönliche Eindrücke und Erfahrungen mit Frank Decke geschildert.

Die häufigste Vokabel unter allen Wortmeldungen ist „Wertschätzung“. Wenn manche Vorgesetzte auch nur eine Ahnung davon hätten, was es für Mitarbeiter bedeutet, wenn sie sich wertgeschätzt fühlen, wenn ihre Leistung und ihre Persönlichkeit respektiert werden, dann sähe es in der Arbeitswelt anders aus. Frank Decke besitzt diese Eigenschaft, gepaart mit einer – fast – durch nichts zu erschütternden Ruhe und Gelassenheit. „Man hat immer das Gefühl, mit allem zu ihm kommen zu können, ohne dass man befürchten muss, abgewiesen oder abgekanzelt zu werden“, meint eine Kollegin und bringt es auf den Punkt.

Hinzu kommt etwas, das ebenfalls vielen Vorgesetzten abgeht: eine gesunde Portion Humor und Selbstironie. Man konnte jederzeit an die Tür des Direktorats klopfen, immer fand man ein offenes Ohr und Zeit für ein nettes Gespräch.  

Der 31. Juli ist der letzte Tag im aktiven Dienst für Frank Decke. Was kommt danach?

Zu den eingangs erwähnten „Projekten“ gehört die lebenslange Leidenschaft, alte Motorräder, überhaupt alles, was einen Motor besitzt, zu restaurieren und zu reparieren. „Schrauben“ nennt man das im Fachjargon. Decke ist stolzer Besitzer eines Oldtimer-Cabrios und nennt diverse alte Motorräder sein Eigen. Sehr zu seiner Freude teilt Sohn Jonas sein Hobby, er ist nach einer Kfz-Lehre inzwischen Techniker. Tochter Lisa hingegen tritt in die Fußstapfen der Eltern und wird Lehrerin. So schließt sich der Kreis.

Der Verfasser dieser Zeilen macht sich hier sicher nicht der Neutralität schuldig, das dürfte der aufmerksame Leser bemerkt haben. Zu tun hat das mit seinem Verhältnis zum Gegenstand der Betrachtung. Ich bin seit 2002 an der Christoph-von-Schmid-Schule und einer der ersten, die mich seinerzeit so herzlich aufgenommen haben, war Frank Decke. In all diesen Jahren habe ich ihn als Kollegen, aber mehr noch als Menschen schätzen gelernt. Er hat die Christoph-von-Schmid-Schule geprägt durch seine Persönlichkeit, die Hingabe an seinen Beruf und sein Pflichtbewusstsein. Das ist ein altmodisches Wort für eine altmodische Tugend. Es bildet aber das Fundament für alles andere.

Wer mich kennt, weiß, dass es ohne Literatur nicht abgeht, dies ist keine Ausnahme. Thomas Mann muss es schon sein, und natürlich sein „Zauberberg“ und dort die letzte Seite, fast die letzte Zeile, als der Erzähler sich von Hans Castorp verabschiedet, nach 1000 Seiten und sieben Jahren:

„Die Neigung, die wir im Verlaufe für dich gefasst, könnte uns bestimmen, zart mit der Fingerspitze den Augenwinkel zu tupfen bei dem Gedanken, dass wir dich weder sehen noch hören werden in Zukunft.“

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